Bastian Wieland | Lesedauer: 6 Minuten.
Friedrich Merz wird nach wie vor von viel zu vielen als wirtschaftspolitisches Schwergewicht gesehen. Als angeblicher Finanzprofi präsentiert er Zahlen, formt daraus grobe Rechnungen und erweckt
den Eindruck, als könne er mit ein paar Stellschrauben die deutsche Wirtschaft auf Hochtouren bringen. Doch wer sich von dem rhetorischen Hochglanz blenden lässt, übersieht das Wesentliche: Statt
ökonomischer Kompetenz liefert Merz eine Mischung aus Halbwahrheiten, verkürzten Zusammenhängen und Wunschdenken. Seine Argumentation ist nicht nur irreführend – sie ist gefährlich simpel. Ein
genauer Blick auf einige seiner wirtschaftlichen Aussagen zeigt, dass sein vermeintliches Expertenwissen auf tönernen Füßen steht.
Merz' Märchen von der Wettbewerbsfähigkeit
Merz warnt davor, dass hohe Sozialabgaben den „Faktor Arbeit“ verteuern und so Arbeitsplätze gefährden. Die Konsequenz? Die Sozialabgaben müssten sinken, um Deutschland wettbewerbsfähig zu
halten. Klingt nach einer simplen Lösung – ist aber nichts anderes als eine grobe Verzerrung der Realität.
Ja, Sozialabgaben beeinflussen die Arbeitskosten. Doch wenn niedrige Abgaben der Schlüssel zur wirtschaftlichen Stärke wären, dann müssten Niedriglohnländer wie Bulgarien oder Rumänien uns längst
abgehängt haben. Dass dem nicht so ist, hat selbstverständlich verschiedene Gründe. Stattdessen gehören aber Länder mit hohen Abgabequoten wie Dänemark und Schweden zu den innovativsten und
wirtschaftlich stabilsten Nationen der Welt. Warum? Weil Wettbewerbsfähigkeit nicht an der bloßen Senkung von Kosten hängt, sondern auch an Produktivität, Bildung, Infrastruktur und
Innovationskraft.
Merz’ Vorschlag, die Sozialabgaben zu senken, ist Augenwischerei. Die Frage ist nicht, ob Sozialabgaben gesenkt werden können – sondern wer dann für die fehlenden Mittel aufkommt. Weniger
Sozialabgaben bedeuten entweder eine schlechtere Absicherung oder höhere Verbrauchssteuern. Das Resultat? Eine massive Mehrbelastung für kleine Einkommen, während Besserverdiener kaum betroffen
wären. Aber genau das passt einmal mehr ins Weltbild des Friedrich „Mittelschicht“ Merz.
Der Fortschritt, den Merz nicht versteht
Laut Merz sinkt das Durchschnittseinkommen, weil Deutschland sich von einer Industrienation zur Dienstleistungsgesellschaft wandelt. In seiner Logik: Hochbezahlte Industriearbeitsplätze
verschwinden, während schlecht bezahlte Dienstleistungsjobs entstehen. Diese Argumentation ist nicht nur veraltet – sie zeigt auch, dass Merz Wirtschaft wie ein Relikt aus den 1980ern
betrachtet.
Der Rückgang industrieller Arbeitsplätze ist kein Zeichen wirtschaftlichen Niedergangs, sondern eine Folge von Fortschritt und Produktivität. Maschinen übernehmen Routineaufgaben, während neue
Branchen entstehen. Gleichzeitig wächst der Dienstleistungssektor – nicht als Zufallsprodukt, sondern als Resultat steigenden Wohlstands. Länder mit hoher Lebensqualität haben immer einen
wachsenden Dienstleistungssektor, weil mehr Menschen sich Freizeit, Reisen und Kultur leisten können und auch leisten wollen.
Und dann gibt es noch jene Sektoren, die besonders signifikant sind, wenn es um Wohlstand geht: Die Freizeit- und Gastronomiebranche, der Tourismus, hochspezialisierte Kultur- und
Eventdienstleistungen – all das boomt, wenn eine Gesellschaft floriert. Wer sich ein Abendessen im Restaurant leisten kann, wer Festivals, Museen und Freizeitparks besucht, tut das, weil er über
ausreichend Einkommen verfügt. Dass dieser Sektor wächst, ist also ein Indikator für steigenden Wohlstand, nicht für Verarmung! In einer modernen Gesellschaft gibt es eben nicht nur den
schweißgebadeten Fabrikarbeiter an der Drehbank – sondern auch den Barista im Szene-Café, den DJ im Nachtclub oder die hochbezahlte IT-Beraterin, die von Hotel zu Hotel reist. Diese Tätigkeiten
sind keine Abkehr vom Fortschritt, sie sind der Fortschritt!
Merz verschweigt zudem, warum Industriearbeitsplätze in Deutschland so gut bezahlt sind: Tarifverträge. Doch anstatt sich für eine stärkere Tarifbindung im Dienstleistungssektor einzusetzen, will
Merz einfach nur die niedrigen Löhne beklagen – ohne etwas dagegen zu tun. Wer ernsthaft höhere Löhne in Dienstleistungen will, muss deshalb Gewerkschaften stärken. Aber das wäre dann doch zu
viel Wirtschaftskompetenz für Herrn Merz.
Statt einer realistischen Strategie verfolgt Merz die Idee, mehr Menschen in die Industrie zu bringen – nicht einfach in absoluten Zahlen, sondern anteilig an der Gesamtbevölkerung. Doch das ist
nicht nur utopisch, sondern ökonomisch unsinnig. Damit das funktionieren würde, bräuchte Deutschland entweder einen massiven Exportboom, der so unrealistisch hoch ausfallen müsste, dass unsere
gesamte Wirtschaft übermäßig von der Kaufkraft anderer Länder abhängig wäre – oder Merz müsste aktiv Maßnahmen ergreifen, um die Produktivität der Industrie zu senken.
Eine Möglichkeit, die Produktivität zu senken, wäre die Löhne per Gesetz auf ein erbärmlich niedriges Niveau zu drücken. Niedrige Löhne bedeuten weniger Investitionen in Automatisierung und
moderne Maschinen, weil sich menschliche Arbeitskraft plötzlich mehr lohnt als Investitionen in Automatisierung. Und das hätte noch einen Nebeneffekt: Steigende Löhne ermöglichen höhere
Konsumausgaben – senkt man sie drastisch, bricht die Nachfrage nach Dienstleistungen ein, wodurch Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor gleich mit verloren gehen. Ein doppelter Schuss ins Knie.
Falls das noch nicht reicht, könnte Merz die Produktivität auch ganz gezielt ausbremsen ,zum Beispiel d völlig überbordende, bürokratische Dokumentationspflichten oder verpflichtende
10-Minuten-Denkpausen nach jedem Arbeitsschritt. Das würde die Produktivität zuverlässig in den Keller fahren.
Die naive Rechnung zu Arbeitslosen und offenen Stellen
Ein weiteres Beispiel für die ökonomische Simplifizierung von Merz ist seine Rechnung zur Arbeitslosigkeit. Nach seinem Kalkül müsste man nur die offenen Stellen mit den Arbeitslosen besetzen,
und schon würden Milliarden in die Staatskasse fließen. Laut Merz’ Berechnungen könnte der Staat allein durch die Besetzung von 400.000 der momentan etwas mehr als 650.000 offenen Stellen rund 5
Milliarden Euro einnehmen. Das klingt gut – ist aber eine pure Fantasie.
Sein Rechenfehler ist offensichtlich: Die Zahl offener Stellen sagt nichts über ihre Besetzbarkeit aus. Die meisten Arbeitslosen haben nicht die Qualifikationen für die offenen Stellen oder leben
in Regionen, in denen es diese Jobs gar nicht gibt. Ein ehemaliger Fabrikarbeiter in Sachsen kann nicht einfach eine IT-Stelle in München besetzen.
Und dann kommt das nächste Problem: Die offenen Stellen sind nicht alle Vollzeitstellen. Die Vollzeitquote in Deutschland liegt bei etwa 70 %, was bedeutet, dass ein erheblicher Teil der offenen
Stellen Teilzeitjobs ausmacht. Selbst wenn also 400.000 Menschen eine Stelle finden würden, müssten viele weiterhin aufstocken, weil das Einkommen nicht reicht. Merz’ Rechnung geht von einer
unrealistischen Vollzeitbeschäftigung aus, während in Wirklichkeit viele Menschen Teilzeitjobs angeboten bekommen – was geringere Steuereinnahmen für den Staat bedeutet.
Die Vorstellung, dass man Arbeitslose wie Spielfiguren einfach in vorhandene Jobs setzen kann, ignoriert die Realität des Arbeitsmarktes. Dazu kommt, dass nicht jede neue Stelle sofort hohe
Steuereinnahmen generiert. Viele der offenen Stellen sind Teilzeitjobs oder werden in Sektoren angeboten, die nur niedrige Steuersätze zahlen. Eine solche naive Rechnung ist nichts anderes als
Wunschdenken.
Merz verkauft einfache Lösungen für komplexe Probleme
Die wirtschaftspolitischen Aussagen von Friedrich Merz haben eines gemeinsam: Sie sind zu simpel, zu einseitig und zu kurz gedacht. Sein Credo „Weniger Sozialstaat, mehr Markt“ hat in vielen
Ländern nicht zu wirtschaftlicher Stärke, sondern zu sozialen Verwerfungen geführt. Eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik braucht mehr als oberflächliche Berechnungen und verkürzte Analysen. Sie
braucht Lösungen, die die Komplexität des Marktes anerkennen – und genau das fehlt Merz.
Obwohl er sich als Wirtschaftsexperte inszeniert, zeigt seine Argumentation, dass er grundlegende Zusammenhänge ignoriert. Vielleicht sollte er statt leerer Schlagworte mal ein Wirtschaftsbuch
zur Hand nehmen – oder besser noch: Mit echten Fachleuten reden.
Zuletzt bearbeitet: 10.09.2025, 00:45 Uhr.
Facts
- KfW Research: Wettbewerbsfähigkeit – vom kranken Mann Europas zum Superstar und zurück: Wo steht die deutsche Wirtschaft? 17.05.2024 (Quelle als PDF-Datei).
- Kurt Stenger: Schon wieder Standortdebatte. 20.09.2024. (Link)
- Institut der deutschen Wirtschaft (IW): Strukturwandel. o.J. (Link).
- vfa: Industriebeschäftigung: Der Strukturwandel ist eine Chance. 31.05.2024 (Link).
- Hans-Böckler-Stiftung (WSI): Neue Studie zur Tarifbindung – Ohne Tarifvertrag verdienen Beschäftigte im Schnitt 11 Prozent weniger und arbeiten länger. 19.04.2023 (Link).
- Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ): Tarifbindung in Westdeutschland 2023. 2023 (Quelle als PDF-Datei).
- Marcel Fratzscher (DIW): Wer bei VW alle Arbeitsplätze erhalten will, setzt die falschen Ziele. 01.11.2024 (Link).
- MacroScope/vfa: Industriebeschäftigung: Der Strukturwandel ist eine Chance. 31.05.2024 (Quelle als PDF-Datei).
- Bernd Fitzenberger, Christian Kagerl: Labour and Competitiveness in Germany – Embracing the Transformation to Boost Productivity. Intereconomics Vol.60(1), 2025 (Link).
- IAB: IAB-Stellenerhebung 2. Quartal 2024. 2024 (Link).
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