Triggerwarnung: Sexuelle Gewalt
Es ist schon wieder zu spät. Und ich habe zu viel getrunken. Mal wieder. Dabei will ich das doch gar nicht. Ich gucke in den Spiegel. Das Bild ist verschwommen. Ich gucke auf die Uhr. 6 Uhr 30. Die Bahnen fahren doch schon längst wieder. Ich muss Heim. Ich gehe wieder raus und setze mich auf den Barhocker. Ich sage, dass ich gehen müsse. Er gehe auch gleich und ich solle doch noch kurz bleiben. Eigentlich haben sie schon zu.
Er hat mich abgefüllt. Nein, ich habe jedes Getränk angenommen und mir auch noch selbst was geholt. Keine Selbstkontrolle. Mal wieder.
Er redet Zeug, das ich nicht verstehe. Vermutlich Belangloses. Ich kann es nicht verarbeiten und rede wahrscheinlich auch Belangloses, das man kaum versteht. Ich gucke auf meine Uhr. Ich erkenne die Uhrzeit nicht. Das Licht ist nicht sehr hell und mein Blick ist verschwommen. Ohne hinzufallen kann ich kaum noch laufen. Es ist vermutlich schon nach 7, glaube ich. Die Zeiger sind zu klein.
Er gehe jetzt, sagt er, und ich solle mitkommen. Ich komme mit. Ich müsse zum Bahnhof, sage ich, er müsse in die gleiche Richtung, doch er nehme einen etwas anderen Weg. Ich gehe mit. Es wird schon hell, es müsste kalt sein. Doch ich spüre die Kälte nicht.
Ich müsse jetzt in die Richtung weiter, sage ich. Er sagt, dass er eigentlich anders gelaufen wäre, aber er habe mich begleiten wollen. Seine Aussage verstehe ich nicht, er ist doch eigentlich so gegangen, weil er zu sich nach Hause möchte. Also habe ich ihn begleitet, nicht er mich. Kein Umweg für mich, nur eben anders. Ich widerspreche ihm. Er versichert mir, er sei wegen mir einen Umweg gegangen und ich solle mitkommen. Ich traue mir nicht und gehe mit. Nun ist es ohnehin so spät, dass es darauf nicht mehr ankommen würde.
Hier wohne er, sagt er. Ich solle mit reinkommen, weil ich Wasser bräuchte. Und ich könne mich bei ihm aufwärmen. Ich lehne ab. Er meint, dass ich auf jeden Fall Wasser bräuchte und danach direkt wieder gehen könne. Er hat nicht Unrecht, ich sollte etwas Wasser trinken. Ich folge ihm.
Seine Wohnung riecht nach kaltem Rauch, der sich bereits festgesetzt hat. Es ist nicht sehr ordentlich. Meine Wohnung ist auch nicht ordentlich, aber so würde ich nie Gäste empfangen. Selbst in diesem Zustand nicht. Vor ein paar Tagen hätte ich jemanden mit nach Hause nehmen können, da war ich auch nicht weniger betrunken, aber habe abgelehnt. Der Zustand war mir zu peinlich. Aber ihn scheint das wohl nicht zu stören.
Ich sehe immer noch verschwommen. Ich solle mich setzen. Er dimmt das Licht und macht zwei Bier auf. Eins für ihn, eins für mich. Durst habe ich, also trinke ich es. Es ist kein besonders gutes Bier, aber ich trinke es immer, weil es überall günstig ist. Er hat sich vermutlich gemerkt, dass ich das immer trinke und wollte nett sein. Eigentlich vertrage ich Bier gar nicht so gut. Es ist einfach nur günstiger.
Er setzt sich zu mir auf die Couch. Er redet irgendwas Belangloses, ich vermutlich auch. Es fällt mir schwer, wach zu bleiben. Alles dreht sich. Recht nah sitzt er neben mir, für mein Empfinden. Wir sprechen über sexuelle Themen. Wie sind wir darauf gekommen? Die Dinge, die er sagt, kann ich nur schwer verarbeiten. Er sitzt sehr nah.
Mir fällt auf, dass ich eigentlich Wasser wollte und kein Bier. Ich stelle es etwas zur Seite.
Wir groß meiner sei, fragt er. Warum will er das wissen? Ich sage ihm, wie groß er ist. Ob ich beschnitten sei. Ich sei nicht beschnitten. Er sei unbeschnitten. Ich hätte darauf nie geachtet, bei meinen Partnern, und ich wisse gar nicht, wie das aussieht. Er steht auf und zeigt seinen. Das wollte ich eigentlich nicht. Ich solle meinen auch zeigen. Warum? Ich möchte nicht. Ich stehe auf und zeige ihn. Mir mache das nichts aus, meinen zu zeigen. Da sei ich sehr locker. Was für ein Unsinn.
Er fasst ihn an. Ich mag es nicht, aber er reagiert auf die Berührungen. Unausweichlich, wenn das jemand anfasst, den ich nur verschwommen sehe. Eine körperliche Reaktion ohne Belang, nichts weiter. Es scheine mir zu gefallen. Ich sage nichts. Ich kann nichts sagen. Er küsst mich. Er schmeckt nach Bier, kaltem Rauch und hat einen seltsamen Mundgeruch. Er küsst nicht gut. Ich möchte das nicht.
Er wirft mich auf die Couch. Ich sei so sexy. Seine Stimme hört sich unerträglich an. Er küsst mich wieder. Er schmeckt ekelhaft. Er riecht ungeduscht und nach alkoholischen Ausdünstungen. Er fühlt sich zu dünn an. Er sieht nicht gut aus.
Ich kann nichts machen. Ich liege da, hilflos, auf dem Rücken. Er zieht mich aus. Er nimmt meine Beine hoch. Er steckt ihn in mich.
Ich will es nicht.
Es ist unangenehm.
Er macht weiter.
Es tut weh.
Er macht weiter, ich lasse mir nichts anmerken.
Es schmerzt immer mehr.
Er macht weiter.
Es wird unerträglich.
Er hört einfach nicht auf.
Es gehe nicht, weil es schmerze.
Er hört nicht auf.
Es tut noch weh.
Es gehe wirklich nicht, es sei unerträglich.
Er hört auf.
Er meint, es scheine mir ja gefallen zu haben. Wieso es auf einmal schmerze.
Es pocht.
Ich sage, dass ich das nicht wisse. Aber ich müsse jetzt gehen, es sei wirklich schon sehr spät. Ich ziehe mich schnell an. Er begleite mich noch zur Haustür. Das sei nicht nötig, antworte ich, und verlasse seine Wohnung. Im Treppenhaus falle ich fast. Ich sehe noch verschwommen. Ich verlasse das Haus.
Ich habe meine Brille liegen lassen. Macht nichts, denke ich mir. Meine Augen sind schlechter geworden, ich brauche ohnehin eine neue Brille.
Fahren sollte ich nicht, ohne Brille.
Ich fahre trotzdem.
Der männliche Paul hat eine männliche Wohnung. Morgens steht er männlich auf und macht sich männlich einen Kaffee. Er setzt sich männlich an den Küchentisch und checkt männlich die Nachrichten des Tages. Dann geht er männlich ins Bad und geht männlich unter die Dusche. Er trocknet sich im Anschluss männlich ab und zieht sich männlich an, um danach männlich zur männlichen Arbeit zu gehen. Er erzählt immer, wie männlich er als männlicher Mann ist.
Luca hat eine Wohnung. Morgens steht er auf und macht sich einen Kaffee. Er setzt sich an den Küchentisch und checkt die Nachrichten des Tages. Dann geht er ins Band und geht unter die Dusche. Er trocknet sich im Anschluss ab und zieht sich an, um danach zu Arbeit zu gehen. Er erzählt immer, wie er ist.
Paul ist vor Kurzem männlich umgezogen, Luca ist umgezogen.
Paul erklärt Luca männlich, dass er gar nicht richtig männlich sei. Luca erwidert, dass ihm seine Meinung völlig egal sei und er sich trotzdem männlich fühle. Paul erzählt männlich, wie männlich er gestern seine männliche Kommode aufgebaut habe. Er habe die Uhrzeit gar nicht bemerkt, weil er so männlich damit beschäftigt war, männlich Möbel aufzubauen. Er habe sich noch männlich etwas zu Essen bestellt. Kochen sei nichts für Männer. Er sei nicht müde gewesen, aber sei dann trotzdem männlich ins Bett gegangen und sofort männlich eingeschlafen.
Luca erzählt, dass er gestern einen Schrank aufgebaut habe. Er habe sich dann noch etwas zu Essen gekocht und sei anschließend völlig übermüdet ins Bett. Er habe nicht sofort einschlafen können. In neuen, ungewohnten Umgebungen habe er immer Schwierigkeiten, einzuschlafen. Luca fragt Paul, ob sie zusammen in ein Restaurant gehen wollten, wenn sie Mittagpause hätten. Paul erwidert männlich, dass er mit Männern nicht essen gehe. Er gehe nur mit Frauen absolut männlich essen. Er sei schließlich ein männlicher Hetero-Mann.
Luca geht also allein in das Restaurant. Er sieht Paul einige Minuten später männlich hereinkommen, er setzt sich jedoch männlich an das andere Ende des männlichen Restaurants. Nach dem Essen steht Luca auf und geht zurück zur Arbeit. Paul wartet kurz männlich und geht männlich zurück zur Arbeit. Luca ruft noch kurz seine beste Freundin an, ob sie heute Abend etwas vorhabe. Sie wolle in eine Bar gehen. Luca fragt, ob er Paul fragen könne. Schließlich sei dieser – wie er selbst – neu in der Stadt. Doch im Gegensatz zu Luca hat Paul noch keine Leute hier. Seine Freundin bejaht. Daraufhin fragt Luca den männlichen Paul, ob er mit ihm in die Bar gehen wolle. Der männliche Paul fragt männlich, ob er denn endlich damit aufhören würde, ihm ein Date aufzuzwingen. Er sei ein männlicher Hetero-Mann. Luca sei auch hetero, entgegnet er. Der männliche Paul äußert männliche, heterosexuelle Zweifel. Luca entgegnet, es sei ihm egal und er zwinge ihn nicht, es sei nur ein Angebot, weil er auch neu in der Stadt sei. Schließlich käme auch seine Freundin mit, es sei also so oder so kein Date. Der männliche, heterosexuelle Paul äußert trotzdem männliche und heterosexuelle Zweifel. Er habe das nicht nötig, er habe ganz viele männliche und heterosexuelle Freunde.
Nach der Arbeit geht Luca direkt in die Bar, Paul geht männlich und heterosexuell nach Hause. Die Bar ist eine Gay-Bar, doch das ist ihm egal. Luca mag die Atmosphäre. Luca redet ein, zwei Stunden mit seiner Freundin, trinkt währenddessen einen Sekt und einen Cocktail und verabschiedet sich, um nach Hause zu gehen. Währenddessen sitzt Paul männlich und heterosexuell auf der Couch und trinkt dort sein männliches und heterosexuelles Bier. Er guckt männlich und heterosexuelle Fernsehen. Als er männlich und heterosexuell fast auf der Couch einschläft, beschließt er, männlich und heterosexuell ins Bett zu gehen.
Am nächsten Morgen wacht Luca wieder auf. Paul wacht diesmal nicht nur absolut männlich, sondern auch in jeder Hinsicht heterosexuell auf.
Nachts, die Straßen, keine Schatten.
Ich, zu Fuß, zutiefst verbrannt.
Vorne, dort, die Gehwegplatten,
Regen, Schnee, kein Unterstand.
Es ist kalt, der Ort riskant,
Im Müll, da wühl‘n die Riesenratten,
Enten liefern sich Regatten,
Die Schwermut nimmt längst überhand.
Dort hinten, dort, siehst du die Brücke?
Endet drüben überm Fluss.
Ist gar keine große Krücke,
In der Mitte eine Lücke.
Die andre Seite.
Die hoch Geweihte.
So voller Schönheit.
Ganz ohne Leid.
Renne zu der Brücke rüber,
Doch sie ist total hinüber.
Begehe sie mit schwachem Schritt,
Und Wasser übers Ufer tritt.
Renne schneller, doch auf der Brücke
Klafft die große, dunkle Lücke.
Das Wasser immer höher steigt,
Die Brücke sich zum Fluss verneigt.
Die Brücke krumm und krümmer,
Das Wasser nun das Holz schon küsst,
Die Brücke bald in Trümmer,
Es zerfällt schon das Gerüst.
Das Loch voll Wasser, kein Entkommen,
Springen oder weggeschwommen.
Nachts, das Wasser, graue Masse,
Töten wird mich noch das Nasse!
Vorne, dort, die andre Seite,
Nun die Lücke ich beschreite.
Setze an zum Sprung hinüber,
Doch die Brücke läuft schon über.
Keine Latte ist zu sehen,
Kann dort nicht mehr rüber gehen.
Es stürzt mich in die kalte Flut,
In meinem Mund, es schmeckt nach Blut.
Die Kälte sticht, der Körper schwach,
Die Lunge flau, die Augen wach.
Die Augen sind weit aufgerissen,
Mein Leben vollends mir entrissen.
Niemand wird mich je vermissen,
Nie hatt‘ ich ein gut’s Gewissen.
Abwärts treib‘ ich ohne Wehr,
Geist und Körper woll’n nicht mehr.
Da sinke ich, fühl‘ keine Not.
Kurz darauf, da bin ich tot.