Bastian Wieland | Lesedauer: 7 Minuten
Im Kindergarten habe ich mich im Alter von etwa vier oder fünf Jahren beim Spielen am Knie verletzt. Als Kleinkind schienen die subjektiv empfunden Schmerzen durch das Wehwehchen unerträglich,
weshalb mir die Erzieherin Tabletten verabreichte. Die Schmerzen waren sofort verflogen. Heute weiß ich: Was mir die Erzieherin da gab, waren einige Globuli. Diese kleine Anekdote beweist eine
Tatsache, die nicht von der Hand zu weisen ist: Homöopathie ist Scharlatanerie.
Die klassische Medizin war über eine lange Zeit hinweg oft schädlicher als nützlich, wenngleich zu betonen ist, dass das nicht in jedem Fall so gewesen ist. Dennoch führten Nebenwirkungen bei
ausbleibender Heilung sowie Scharlatanerie zu weit verbreiteter Skepsis. Dass Medizin oft nicht gewirkt hat, aber zu erheblichen unerwünschten Begleiterscheinungen führte, war vor allem der
Tatsache geschuldet, dass moderne Wissenschaft, wie wir sie heute verstehen, schlichtweg nicht existierte. Es gab keine klinischen Studien, Medikamententests im Reagenzglas oder Verfahren zur
Herstellung hochreiner Substanzen.
Über solche Versuche wurde auch schon vor hunderten von Jahren diskutiert: „Es bleibt uns nichts übrig, als die zu erforschenden Arzneien am menschlichen Körper selbst zu versuchen“ schrieb
Samuel Hahnemann in seinem 1796 erschienenen Artikel „Versuch über ein neues Prinzip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneisubstanzen, nebst einigen Blicken auf die bisherigen“. Dies habe man
zu allen Zeiten eingesehen „aber man betrat gewöhnlich den falschen Weg, indem man sie blos […] empirisch und auf Gerathewohl gleich in Krankheiten anwendete.“ Hahnemann ist kein Niemand, der
darüber schwadronierte, dass empirische Nachweise allein nicht aussagekräftig seien und dass Mittel nicht unmittelbar gegen Krankheit eingesetzt werden sollten, sondern er ist der Erfinder der
Homöopathie.
Das Prinzip: Gleiches mit Gleichem. Ein Mittel, das bei einer gesunden Person Krankheitssymptome auslöst, wird stark verdünnt an Kranke gegeben, das dann genau gegen diese Symptome helfen soll.
Die bekannteste Darreichungsform der Homöopathie sind sicherlich Globuli. Die kleinen Zuckerkügelchen gibt es in jeder Apotheke zu kaufen. Wie bei jedem Homöopathikum wird auch bei Globuli das
Prinzip der ‚Potenzierung‘ angewandt: „Je verdünnter die Substanz, desto höher ihre Wirksamkeit“, erklärt Sprotte über die Annahmen der Homöopathie. Außerdem sollen „durch Schütteln oder Schlagen
[…] Informationen des Ursprungswirkstoffs auf nichtmolekularer Ebene auf die verdünnte Flüssigkeit übergehen“. Dabei gibt es verschiedene Potenzstufen. Bei D-Potenzen wird die Ausgangslösung bei
jedem Verdünnungs-, pardon, Potenzierungsvorgang um den Faktor 10 verdünnt, bei C-Potenzen um den Faktor 100 und bei Q-Potenzen um den Faktor 50.000.
Dass die Konzentration bei einer C30-Potenz (also hundertfach verdünnt und das Ganze dreißigmal) bei einer Prozentzahl mit etwa 60 Nachkommastellen liegt und es um ein Vielfaches wahrscheinlicher
ist, im Lotto zu gewinnen, als auch nur ein einziges Molekül des Ausgangsstoffes in einer handelsüblichen 10-Gramm-Packung Globuli zu finden, spielt für die blinde Gefolgsarmee der Homöopathie
keine Rolle. Schließlich sei die Wirkung ‚überstofflich‘ oder ‚übermolekular‘, da sich das Wasser die Strukturen merke und entsprechend die eigene Struktur verändere. Tatsächlich existiert dieses
sogenannte ‚Wassergedächtnis‘. Ja, kein Scherz, sogar für bis zu 0,001 Nanosekunde, wie das Max-Planck-Institut schildert. Globuli müssen einfach nur sehr schnell genommen werden, dann
funktioniert das schon (irgendwie).
Die Pharma-Lobby
Stellen Sie sich einmal vor, der Pharmariese Bayer wollte ein Medikament gegen Gelenkschmerzen zulassen. Hierfür muss dann nur ein Gremium aus wenigen Personen, die nach der Meinung
Pharmaindustrie Expertise im Gebiet Pharmazie aufweisen, das Go geben. Diese bestätigen dann einfach, dass das Mittel wirkt und keine Nebenwirkungen hat. Zack – Zulassung. Das ist natürlich
völlig illusorisch, denn konventionelle Medizin kann nur zugelassen werden, wenn es in mehreren klinischen Studien belegt wurde, dass das Medikament wirkt und der Nutzen der Hauptwirkung die
Risiken der Nebenwirkungen übersteigt. Nein, dieser Vorgang wäre ein Skandal!
Nicht aber bei der Homöopathie: Wenn ein homöopathisches Präparat keinen konkreten Anwendungsbereich wie Halsschmerzen, Erkältung oder Muskelkater hat, wird es nur registriert und dann in den
Verkehr gebracht. Ansonsten entscheidet die beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) angesiedelte Kommission D, ob die empfohlene Anwendung des Mittels im Rahmen der
homöopathischen Lehre plausibel ist.
Das hat einen Hintergrund: Im Zuge des Contergan-Skandals wurden die Zulassungsbedingungen medizinischer Produkte stark verschärft. Alle Medikamente sollten von nun an eindeutige empirische
Untersuchungen vorlegen, die die Wirkung belegen, aber vor allem eben auch Nebenwirkung erfassen. Damit hatte die Lobby der Homöopathie ein Problem: Es existieren zwar Studien, die die
Wirksamkeit von Globuli vermeintlich belegen, diese haben allerdings keine Vergleichsgruppe oder aber sie haben andere gravierende methodische Mängel wie zum Beispiel Suggestivfragen in den
Fragebögen oder eine nicht repräsentative Auswahl der Versuchsteilnehmenden. Alle Studien, die eine Vergleichsgruppe haben, die ein Placebo einnehmen, doppelblind sind (also weder die Forschenden
noch die Teilnehmenden wissen, wer die Globuli und wer das Placebo einnimmt) und alle weiteren Kriterien für eine aussagekräftige Untersuchung aufweisen, zeigen eines: Globuli sind genauso
(un-)wirksam wie Placebos. Es gab bisher keine einzige Studie, die dazu geführt hätte, dass ein Homöopathikum als konventionelles Arzneimittel zugelassen wurde, obwohl die Homöopathie-Lobby ein
Interesse daran hat und sie selbst bereits Studien durchführe - ohne Erfolg.
Selbst dann, wenn Homöopathie ‚übermolekular‘ wirken sollte, so ist das kein valides Argument dagegen, dass die Wirkung weder von der klassischen noch von der homöopathischen Medizin nachgewiesen
werden konnte. Denn solche Wirksamkeitsstudien zeigen nicht, wie etwas wirkt, sondern nur, ob etwas über den Placebo-Effekt hinaus wirkt. Es ist eindeutig: Homöopathie wirkt nicht. Dann zu
verlangen, es solle doch nachgewiesen werden, wie es nicht wirkt, ist völlig hirnrissig. Schließlich kann kein Wirkmechanismus erklärt werden, wenn keine Wirkung (über den Placebo-Effekt hinaus)
existiert. Und daran sieht man, dass Lobbyverbände erfolgreiche Arbeit geleistet haben – und seitdem eine Sonderbehandlung im Arzneimittelrecht genießen.
Aber mir hat’s doch geholfen!
Ja, und das glaube ich Ihnen auch. Dennoch ist anekdotische Evidenz nicht aussagekräftig. Sie können keine Aussage darüber treffen, ob Ihre Beschwerden nicht ohnehin verschwunden wären oder
ob Ihnen Streukügelchen ohne homöopathisches Prozedere ebenso geholfen hätten. Gerade bei Erkältungen ist oft der medizinische Rat zu hören, im Bett zu bleiben, viel zu trinken und viel Obst zu
essen – man sitzt die Erkältung also aus. Wenn dazu noch Globuli genommen werden, wird das die Genesung sicher nicht stören, aber ganz sicher wäre die Erkältung auch von allein weggegangen.
Gleiches gilt übrigens für Tiere oder auch Säuglinge. Es ist in zahlreichen (methodisch einwandfreien) Untersuchungen belegt worden, dass auch Placebos bei Tieren, Säuglingen und Kindern wirken.
Daran besteht mittlerweile überhaupt kein Zweifel mehr. Einerseits kann sich der Placebo-Effekt durch Konditionierung einstellen, andererseits kann allerdings auch der sogenannte
Caregiver-Placebo wirken, der verursacht, dass die Caregiver (also die Personen, die sich um die Tiere kümmern), nur denken, dass eine Behandlung wirkt. Werden allerdings Tieren, Säuglingen und
auch Kindern sowohl Globuli als auch Placebo-Tabletten verabreicht, ist kein Unterschied zwischen den beiden Gruppen erkennbar.
Die Verstärkung durch Autoritätspersonen
Hinzu kommt vor allem bei Kindern die Annahme, dass die Eltern, Großeltern oder auch die Erzieherin bei körperlichen Leiden helfen wird. Das verstärkt die Wirkung der Placebo-Tabletten, ehm,
Globuli. Gleiches gilt für Erwachsene, die in einer Praxis sitzen. Vor Ihnen sitzt eine Person mit weißem Kittel, eventuell sogar mit Doktortitel, einem Stethoskop, der möglicherweise komische
Wörter verwendet, die Sie nicht verstehen. Sie vertrauen darauf, dass Ihnen das medizinische Fachpersonal hilft und dass Fachwissen in Bezug auf der Heilung von Krankheiten vorliegt. Sie
vertrauen darauf, dass es Ihnen besser geht, wenn Sie ein Präparat verschrieben bekommen.
Homöopathie ist eine natürliche Alternative!
Nein. Naturheilkunde und Homöopathie sind zwei grundverschiedene Disziplinen. Denn in Homöopathie findet man weder Wirkstoff noch Wirkung, in der Naturheilkunde hingegen sind Wirkstoffe und
entsprechende Wirkungen und Nebenwirkungen in den verschiedenen Pflanzen nachweisbar und teilweise empirisch sauber belegt. Ein Beispiel hierfür ist die Weidenrinde, in der ein Wirkstoff
enthalten ist, der stark mit Aspirin verwandt ist. Ausgangsstoffe für die entsprechenden homöopathischen Präparate sind sogar oft synthetisch hergestellte Substanzen.
Globuli sind also keine natürliche, geschweige denn generell eine Alternative. Dass sie gegen meine Schmerzen gewirkt haben, beweist nur, dass der Placebo-Effekt existiert und dass dieser durch
Autoritätspersonen verstärkt wird. Bis heute gibt es keinen Nachweis für die Wirkung, ja, es kann mittlerweile sogar als gesichert gelten, dass Globuli nicht wirksam sind. Wer aber trotz aller
Erkenntnisse behauptet, dass sie wirken, ist entweder ein Idiot oder ein Scharlatan. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Fangemeinde und vor allem führende Pharma-Unternehmen, die Homöopathika
herstellen, Holzköpfe sind.
Facts
- Max-Planck-Institut (18.09.2015): Das strukturelle Gedächtnis von Wasser bleibt auf einer Pikosekunden Zeitskala bestehen (Link).
- Samuel Hahnemann (1796): Versuch über ein neues Prinzip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneisubstanzen, nebst einigen Blicken auf die bisherigen.
- DHU: Was ist Homöopathie? (Link).
- Rieke Sprotte (21.03.2020, NDR): Homöopathie: Wie Globuli hergestellt werden. (Link)
- Johanna Leitenbacher (03.02.2021, Quarks): Darum gibt es den Placebo-Effekt bei Tieren (Link).
- Irvine Loudon: A brief history of homeopathy. J R Soc Med. Dezember 2006.
- S. M. Sagar: Homeopathy: does a teaspoon of honey help the medicine go down? Curr Oncol. August 2007.
- EASAC (European Academies’ Science Advisory Council): Homeopathy: harmful or helpful? European scientists recommend an evidence-based approach. 20.09.2017.
- Pascal Siggelkow (tagesschau.de): Welche Rolle spielt Homöopathie in Deutschland? 15.01.2024 (Link).
- Adam Smart (The Conversation): Health experts find no evidence homeopathy works, again. 11.03.2015.
- Bernd Wilhelm et al.: Working with patients’ treatment expectations – what we can learn from homeopathy.
- BPhD (Bundesverband der Pharmaziestudierenden) via Apotheke Adhoc: Pharmaziestudierende fordern Placebo-Warnhinweis für Homöopathika. 2022.
- Apothekerkammer Niedersachsen (aponet.de): Pflanzliche Medizin und Homöopathie – was ist der Unterschied? 09.08.2022.
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