Bastian Wieland | Lesedauer: 25 Minuten
Zuletzt bearbeitet: 08.08.2025
„Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt.“ Dieses berühmte Zitat von Ludwig Wittgenstein bringt eine intuitive Idee auf den Punkt: Unsere Sprache beeinflusst, wie wir die Welt wahrnehmen und über sie nachdenken. In der Linguistik und Kognitionswissenschaft wird seit Jahrzehnten darüber diskutiert, in welchem Ausmaß Sprache das Denken formt – im Deutschen gewinnt diese Frage durch die Debatte ums Gendern besondere Relevanz. Wenn im Deutschen das sogenannte generische Maskulinum verwendet wird, beeinflusst das unbewusst unsere Vorstellungen? Der Beitrag beleuchtet zunächst theoretische Positionen und Forschungsstände zum Zusammenhang von Sprache und Kognition. Anschließend werden empirische Befunde vorgestellt, die zeigen, wie Sprache unsere Wahrnehmung beeinflussen kann. Im Fokus steht die Frage, wie verschiedene Formen geschlechtergerechter Sprache – vom generischen Maskulinum bis zu gegenderten Varianten – unsere Vorstellungen von Personengruppen prägen. Exemplarisch werden Studien mit ihren Methoden und Ergebnissen dargestellt und sachlich eingeordnet, einschließlich eventueller Limitationen. Ziel ist eine objektive, verständliche Darstellung auf Basis einschlägiger wissenschaftlicher Quellen.
Sprache und Denken: Linguistische Theorien
Die Idee, dass Sprache und Denken eng verknüpft sind, hat eine lange Historie. Bereits im 19. Jahrhundert vermutete Wilhelm von Humboldt, jede Sprache forme ein eigenes „Weltbild“. In der modernen Linguistik wurde dieser Gedanke vor allem durch Edward Sapir und seinen Schüler Benjamin Lee Whorf bekannt. Ihre Sapir-Whorf-Hypothese (auch Hypothese der sprachlichen Relativität genannt) besagt in der starken Form, dass die Sprache eines Menschen dessen Denken bestimmt – ein Konzept, das als linguistischer Determinismus bezeichnet wird.
Die Sapir-Whorf-Hypothese war lange umstritten. Vertreter des sprachlichen Universalismus – etwa Noam Chomsky mit seiner Theorie der Universalgrammatik – betonten, dass allen Sprachen gemeinsame kognitive Strukturen zugrunde liegen und dass Denken in einem angeborenen mentalen „Universalkode“ (manchmal als Mentalese bezeichnet) erfolgen könne, unabhängig von der spezifischen Sprache. Steven Pinker etwa argumentiert, dass Menschen auch ohne Sprache – etwa in Bildern oder abstrakten Begriffen – denken können. Sprache dient demnach eher als Werkzeug, um Gedanken auszudrücken, als diese zu erzeugen. Die starke whorfsche Position wird daher von vielen als zu extrem oder empirisch widerlegt betrachtet.
Dennoch entwickelte sich im Laufe des 20. Jahrhunderts ein differenzierteres Bild. Linguistische Relativität in schwächerer Form fand durch neue Untersuchungen Anerkennung: Sprache mag unser Denken nicht vollständig einschränken, lenkt aber unsere Aufmerksamkeit und erleichtert bestimmte Denkprozesse. Der Psychologe Roger Brown und der Linguist Eric Lenneberg führten in den 1950ern erste Experimente durch, die zeigten, dass leichter benennbare Farben von Probanden besser erinnert werden – ein Hinweis, dass sprachliche Kodierbarkeit kognitive Leistungen beeinflussen kann. In den 1960ern entdeckten jedoch Berlin und Kay (1969) scheinbar universelle Muster in den Farbbezeichnungen quer durch Kulturen, was gegen eine völlige Abhängigkeit der Wahrnehmung von Sprachkategorien sprach. Solche Befunde stärkten vorerst die Annahme, grundlegende Wahrnehmung sei sprachunabhängig.
Seit den 1990ern erlebt die Relativitätsdebatte eine Renaissance, dank präziserer Methoden in Anthropologie, Psycholinguistik und Kognitionswissenschaft. Forscher wie John A. Lucy untersuchten Sprachgemeinschaften (z. B. in indigenen amerikanischen Sprachen) systematisch und fanden subtile, aber reproduzierbare Denk-Unterschiede im Zuge grammatischer Differenzen. Ein vermittelnder Ansatz stammt von Dan I. Slobin: Er prägte den Begriff “Thinking for Speaking“. Diese Sichtweise besagt, dass unsere Muttersprache vor allem beim Sprechen bestimmte Aspekte mental hervorhebt – wir „denken, um zu sprechen“. In anderen Worten: Wenn wir uns sprachlich ausdrücken (oder Informationen sprachlich aufnehmen), richten wir unsere Aufmerksamkeit und kognitiven Ressourcen auf die Kategorien, die unsere Sprache verlangt. Sprache wirkt demnach wie ein Filter oder eine Schablone beim Sprechen und Verarbeiten, ohne jedoch außerhalb sprachlicher Kontexte alle Gedanken einzuengen.
Der heutige Konsens in der Wissenschaft lehnt einen strikten linguistischen Determinismus ab – niemand würde behaupten, dass beispielsweise ein Sprecher des Deutschen keine neuen Ideen denken kann, nur weil es dafür (noch) kein Wort gibt. Allerdings unterstützen zahlreiche Studien eine schwächere Form: Sprache beeinflusst das Denken auf messbare Weise. Sie ist nicht der einzige Faktor kognitiver Prozesse – biologische Grundlagen spielen ebenfalls eine Rolle. Sprachliche Strukturen bieten jedoch einen Rahmen, der bestimmte Gedanken begünstigt oder hemmt.
Empirische Studien: Wie Sprache die Wahrnehmung prägen kann
Zahlreiche Experimente aus Psychologie, Linguistik und Anthropologie haben untersucht, ob Personen, die verschiedene Sprachen sprechen, unterschiedlich denken oder wahrnehmen. Hier ein Überblick über einige wichtige Forschungsfelder und Befunde, die einen allgemeinen Einfluss der Sprache auf die Kognition nahelegen:
Farben
Lange ging man davon aus, dass Menschen physiologisch Farben gleich wahrnehmen, doch sprachliche Kategorien können die Unterscheidungsfähigkeit beeinflussen. Eine bekannte Studie untersuchte englische und russische Probanden. Im Russischen gibt es zwei grundlegend verschiedene Farbwörter für Hellblau und Dunkelblau (goluboj vs. sinij), während Englisch (und Deutsch) beide unter „blau“ bzw. „blue“ fassen. Winawer et al. (2007) ließen Versuchspersonen zwei Blautöne möglichst schnell unterscheiden. Die russischen Muttersprachler schnitten besser ab, wenn die beiden Blauschattierungen je in unterschiedliche Wortkategorien fielen (also z. B. ein goluboj- und ein sinij-Blau), während englische Muttersprachler keinen solchen Vorteil hatten. Offenbar schult die Sprache die Aufmerksamkeit: Russischsprachige „sehen“ Hell- und Dunkelblau kategorial getrennter, weil ihre Sprache diese Unterscheidung ständig erfordert. Interessanterweise verschwanden die Vorteile, wenn man den Versuchspersonen eine zweite Aufgabe gab (z. B. sich zusätzlich Ziffern merken) – ein Hinweis, dass der beobachtete Unterschied tatsächlich vom Sprachprozess im Gehirn abhängt. Gleichzeitig gibt es Grenzen: Werden Farben ohne sprachliches Benennen wahrgenommen oder erinnert, treten eher universelle Effekte auf (etwa erinnern alle Menschen Primärfarben besser). So fand Eleanor Rosch 1972 bei den Dani in Neuguinea – deren Sprache nur zwei Farbwörter kennt – dennoch gute Erinnerungsleistungen für prototypische Rot-, Blau- oder Gelbtöne. Diese Befunde zeigen: Sprache formt die kognitive Kategorisierung von Farben, wenn wir sprachliche Labels nutzen, aber sie hebt nicht grundlegende Sehleistungen auf. Insgesamt zeichnet sich ein differenziertes Bild ab: Sprachliche Kategorien beeinflussen vor allem die Feinabstufung der Wahrnehmung und die Reaktionsschnelligkeit bei kategorialen Urteilen.
Raum und Zeit
Sprachen unterscheiden sich darin, wie sie räumliche Richtungen ausdrücken. Europäische Sprachen – so auch Deutsch – verwenden ein relatives Bezugssystem („links/rechts/vorne/hinten“ ). Demgegenüber kennen manche indigene Sprachen ein absolutes System mit Himmelsrichtungen („Norden/Süden/Osten/Westen“), selbst im Kleinen. Diese linguistische Differenz beeinflusst tatsächlich die Orientierung. Der Kognitionswissenschaftler Stephen C. Levinson zeigte etwa in den 1990er Jahren, dass Personen, die die die Maya-Sprache Tzeltal sprechen, in der vorwiegend absolute Richtungen verwendet werden, deutlich besser darin waren, sich ohne sichtbare Anhaltspunkte in der geografischen Umgebung zu orientieren, als niederländische Personen, die auf die Orientierung mit Links/Rechts vertrauten. In einem Versuch sollten Versuchspersonen eine bestimmte Anordnung von Objekten aus dem Gedächtnis auf einem Tisch vor sich rekonstruieren. Die Tzeltal-Versuchspersonen rotierten das Muster nach absoluten Himmelsrichtungen (z. B. immer Norden orientiert), während die niederländischen das Muster relativ zu ihrer eigenen Perspektive ablegten. Die Sprache formt hier also buchstäblich den gedanklichen „Koordinatenrahmen“.
Wir verwenden oft eigentlich räumliche Ausdrücke, um Zeit zu ordnen (etwa „vor“ und „nach“ in Deutsch). Unterschiedliche Sprachen tun dies aber verschieden. Englisch- und deutschsprachige Personen visualisieren Zeit typischerweise horizontal von links nach rechts, etwa auf einem Zeitstrahl: Die Vergangenheit liegt dabei links oder hinten, die Zukunft rechts oder vorne – entsprechend unserer Schreib- oder Blickrichtung. Im Mandarin-Chinesischen nutzen entsprechende Personen vertikale Metaphern (上–下 shàng–xià, wörtlich „hoch/runter“ für Vergangenheit/Zukunft). Experimente von Lera Boroditsky (2001) zeigten: native speakers von Mandarin neigen eher dazu, zeitliche Abfolgen vertikal anzuordnen (z. B. Bilder chronologisch von oben nach unten zu sortieren), während Englischsprachige dieselben Aufgaben horizontal lösen – offenbar beeinflusst durch die in der jeweiligen Sprache geläufigeren Raum-Zeit-Metaphern.
Noch ungewöhnlicher ist der Fall der australischen Aborigines vom Stamm der Kuuk Thaayorre in Pormpuraaw. Deren Sprache (Kuuk Thaayorre) kennt fast ausschließlich absolute Richtungen. Boroditsky und Alice Gaby untersuchten, wie diese Menschen zeitliche Abfolgen ordnen. Das Ergebnis: Die Pormpuraawans legten Bildkarten von Ereignissen immer von Ost nach West in die richtige Reihenfolge – also je nach aktueller Orientierung der Person im Raum entweder von links nach rechts, rechts nach links, vorne nach hinten usw., stets entsprechend der Himmelsrichtung Ost nach West. Dahinter steckt vermutlich die tägliche Erfahrung, Himmelsrichtungen zu verfolgen (und vielleicht auch die Wanderung der Sonne von Osten nach Westen als „Zeitgeber“). Für westliche Begriffssysteme ist das eine völlig andere Art, über Zeit nachzudenken – ein qualitativ anderes kognitives Konzept, geprägt durch Sprache und Kultur. Solche Studien zeigen, dass selbst eher fundamentale Denkbereiche wie Raum und Zeit nicht überall gleich „verdrahtet“ sind, sondern durch sprachliche Gewohnheiten geformt werden.
Objekte und Grammatik
Ein weiteres Beispiel für Spracheinfluss ist das Genus (also das grammatische Geschlecht) von Objekten. Beispielsweise werden Objekte in Kinderbüchern, Gedichten oder Volkssagen entsprechend ihrem Sexus eingeordnet: Herr Löffel und Frau Gabel, der Mann im Mond (im Italienischen, wo der Mond grammatisch feminin ist, gibt es übrigens in Volkssagen eine (alte) Frau auf dem Mond), Vater Rhein, Mutter Erde und Gevatter Tod. Im Deutschen hat etwa „Brücke“ das grammatische Gender Femininum, in Spanisch dagegen Masculinum („el puente“). Experimente deuten auf einen Einfluss des grammatischen Genus bei manchen Objekten hin, allerdings sind die Effekte nicht durchgehend und methodisch nicht unumstritten. In einer Studie sollten deutsch- und spanischsprachige Versuchspersonen Objekte mit Adjektiven beschreiben. Die Ergebnisse zeigten ein konsistentes Muster: Deutsche bezeichneten eine „Brücke“ tendenziell mit Eigenschaften, die stereotyp weiblich assoziiert sind – z. B. schön, elegant, zierlich –, während Spanischsprechende (für die puente maskulin ist) eher Begriffe wie stark, solid oder mächtig wählten. Ähnliches fand man etwa bei der Beschreibung eines Schlüssels (deutsch maskulin: „der Schlüssel“ – häufig adjektiviert als hart, schwer, metallisch; spanisch feminin: „la llave“ – beschrieben als klein, golden, schön). Obwohl es sich bei Brücken oder Schlüsseln natürlich um unbelebte Gegenstände ohne echtes Geschlecht handelt, beeinflusst das grammatische Genus offenbar die gedankliche Wahrnehmung. Diese Effekte wurden in verschiedenen Sprachen beobachtet, jedoch nicht bei allen Objekten gleich stark. Hierzu sei aber gesagt, dass ähnliche Studien nicht zum gleichen Ergebnis gekommen sind und Adjektive teilweise eher zufällig Geschlechtern zugeordnet wurden, eine eindeutige Zuordnung nicht möglich war oder sich zeigte, dass ähnlich viele männlich wie weiblich konnotierte Adjektive gewählt wurden.
Ereignisse und Gedächtnis
Einige Sprachen unterscheiden explizit, ob ein Ereignis absichtlich oder unabsichtlich geschah. Spanisch etwa verwendet bei Unfällen oft Konstruktionen, die den Handelnden nicht hervorheben (vergleichbar im Deutschen: „Die Vase ist zerbrochen“ statt „Er hat die Vase zerbrochen“). Englisch betont dagegen auch bei Unfällen häufig den „Agenten“ („She broke the vase (accidentally)“). Fausey und Boroditsky (2011) untersuchten, ob solche sprachlichen Unterschiede das Erinnerungsvermögen für diesen „Agenten“ beeinflussen. Sie zeigten spanisch- und englischsprachigen Versuchspersonen Videos von absichtlichen und versehentlichen Handlungen. Ergebnis: Beide Gruppen merkten sich die Handelnden bei absichtlichen Taten gleich gut. Bei versehentlichen Ereignissen jedoch erinnerten sich die Englischsprachigen deutlich besser an die verursachende Person als die Spanischsprechenden – im Einklang mit der unterschiedlichen sprachlichen Betonung. Offenbar achten Englischsprachige automatisch stärker darauf „wer es getan hat“, selbst wenn es ein Versehen war, während Spanischsprachige weniger Fokus darauf legen, weil ihre Sprache dies nicht zwingend erfordert. Diese Differenz in der Sprache führte zu einem messbaren Unterschied im Augenzeugen-Gedächtnis. Solche Ergebnisse sind praktisch bedeutsam – sie legen z. B. nahe, dass Zeugenberichte und Schuldzuweisungen durch sprachliche Strukturen mitbeeinflusst werden können.
Zahlen und Zählen
Einige indigene Sprachen besitzen nur sehr begrenzte Zahlwörter – etwa existieren bei den Pirahã am Amazonas keine Worte für konkrete Zahlen jenseits von „eins“, „zwei“ und „viele“. Der Psychologe Peter Gordon untersuchte 2004, wie Pirahã-Sprechende Mengen einschätzen. Er fand heraus, dass ohne Zahlwörter die Fähigkeit, größere Mengen exakt zu differenzieren, stark eingeschränkt war. Pirahã-Versuchspersonen konnten beispielsweise nicht zuverlässig zwischen z. B. 7 und 8 gleichen Objekten unterscheiden oder Mengen präzise rekonstruieren, wenn es über 3 hinausging. Die Befunde legen nahe, dass ohne Zahlwörter komplexes Zählen erschwert ist, wobei auch der kulturelle Kontext eine wichtige Rolle spielt. Dies deutet darauf hin, dass das Erlernen von Zahlwörtern und Zählsystemen unsere Fähigkeit, Zahlen exakt zu repräsentieren, enorm erweitert – ein eindrücklicher Fall, wie Sprache kognitive Fertigkeiten formt. Allerdings wird auch hier diskutiert, inwieweit Kultur und Alltagsbedarf eine Rolle spielen (die Pirahã benötigen in ihrer Lebensweise kaum exaktes Zählen). Fakt ist: Ohne sprachliches Symbolsystem sind komplexe mathematische Operationen kaum möglich – Sprache dient hier als kognitives Werkzeug, das neue Denkleistungen ermöglicht.
Diese Beispiele – von Farben über Raum und Zeit bis hin zu Ereigniswahrnehmung und Zahlen – illustrieren, dass Sprache vielfältige Einflüsse auf das Denken haben kann. Wichtig ist jedoch eine ausgewogene Sicht: Sprache setzt unserem Denken keine harten Grenzen in dem Sinne, dass wir Unaussprechliches prinzipiell nie begreifen könnten. Vielmehr wirkt sie als prägender Kontextfaktor, der bestimmte Aspekte salient macht und mentale Gewohnheiten etabliert. Menschen können meist Strategien entwickeln, um sprachliche Begrenzungen zu umgehen (z. B. Umschreibungen oder neue Wörter erfinden, wenn nötig). Dennoch zeigen uns diese Studien, dass unsere Muttersprache eine Art „kognitiver Habit“ ist, der unbewusst mitläuft. Was wir nicht benennen (müssen), dem schenken wir oft weniger Aufmerksamkeit; worüber wir grammatikalisch ständig unterscheiden, das strukturieren wir gedanklich mit.
Generisches Maskulinum und Gendern: Wenn Grammatik auf Wahrnehmung trifft
Die deutsche Sprache kennzeichnet Personenbezeichnungen grammatisch als maskulin oder feminin (z. B. der Lehrer, die Lehrerin). ‚Studenten‘ als maskuline Form soll jedoch alle Studierenden einschließen, also auch Frauen mitmeinen. In den letzten Jahrzehnten wird die Verwendung des genersichen Maskulinums jedoch vermehrt kritisiert, da es männliche Vorstellungen begünstigen könne und Frauen sowie nicht-binäre Personen sprachlich unsichtbar mache. Aus dieser Kritik heraus sind verschiedene gendergerechte Sprachformen vorgeschlagen und teils angewandt worden: Von expliziten Doppelnennungen (Studentinnen und Studenten), über neutralisierte Formen (Studierende) bis hin zu Kurzformen mit Sonderzeichen (Student*in, Student_in, StudentIn). Die zentrale Frage lautet hierbei: Beeinflussen diese unterschiedlichen sprachlichen Formen die mentale Repräsentation der gemeinten Personengruppen – und wenn ja, wie?
Männliche Bilder durch das generische Maskulinum?
Einhellig haben viele Studien festgestellt, dass das generische Maskulinum in der Praxis kein neutrales Bild hervorruft, sondern überwiegend an Männer denken lässt. Mit anderen Worten: Trotz theoretischer „Mitmeint“-Regel werden sich bei maskulinen Personenbezeichnungen spontan eher männliche Menschen vorgestellt. Ein frühes evidenzbasiertes Indiz lieferte die Arbeit von Braun, Gottburgsen, Sczesny & Stahlberg (1998). In ihrem Aufsatz mit dem Titel “Können Geophysiker Frauen sein?“ untersuchten sie, ob deutsche Sprecher bei Rollenbezeichnungen im Maskulinum (wie „die Geophysiker“) tatsächlich auch weibliche Personen einbeziehen. Das Ergebnis war sinngemäß: Ohne expliziten Hinweis denken viele zunächst an Männer. Die generische Verwendung scheiterte gewissermaßen – viele Befragte empfanden die Frage „Können Geophysiker Frauen sein?“ als berechtigt, weil sich beim Wort Geophysiker eben nicht automatisch Frauen vorstellen. Hier zeigte sich bereits das Phänomen der männlichen Dominanz in den Vorstellungen.
In einem Experiment wiesen Stahlberg, Sczesny & Braun (2001) diesen Effekt nach. Die Versuchspersonen wurden gebeten: „Nennen Sie Ihren Lieblingsmusiker“. In einer anderen Versuchsbedingung wurde eine geschlechtergerechte Formulierung verwendet. Die Resultate waren eindeutig: Wurde nur die maskuline Form Musiker verwendet, nannten die Teilnehmenden deutlich häufiger männliche Künstler – Künstlerinnen kamen weit seltener in den Sinn. In der gendersensiblen Formulierung jedoch verteilten sich die Nennungen deutlich ausgewogener, es wurden viel mehr Frauen erwähnt. Dieser Befund legt nahe, dass die Sprachform die Gedächtnisrepräsentation und Abrufbereitschaft beeinflusst: Beim generischen Maskulinum werden Frauen offenbar weniger „aktiviert“ im mentalen Lexikon, sie bleiben sprichwörtlich im Hintergrund.
Neuere neurokognitive Evidenz stützt diese Befunde zusätzlich. Eine EEG-Studie von Misersky et al. (2019) ließ Versuchspersonen Sätze mit generischen Maskulina lesen und maß die Gehirnreaktionen, wenn anschließend weibliche oder männliche Personen erwähnt wurden. Es zeigte sich ein deutliches Signal im Gehirn, sobald eine weibliche Fortsetzung auf ein Maskulinum folgte. Vereinfacht gesagt interpretiert das Gehirn die Kombination „Maskulin + weibliche Person“ als eine Art kleinen Verarbeitungs-Konflikt, als ob etwas Unerwartetes oder Unpassendes korrigiert werden muss. Dieses Signal trat nicht auf, wenn nach Maskulinum ein Mann erwähnt wurde. Die Forschungsgruppe schlussfolgert, dass selbst wenn wir rational „wissen“, dass ein generisches Maskulinum alle meinen soll, unser Gehirn es unbewusst nicht ganz so verarbeitet – es bleibt eine Tendenz, die maskuline Form eben doch vornehmlich männlich aufzulösen. Solche neurowissenschaftlichen Befunde untermauern die Ergebnisse aus Reaktionszeit- und Befragungsstudien: Die generische männliche Form ist kognitiv mehrdeutig, wird aber nicht neutral verstanden, sondern begünstigt männerzentrierte Vorstellungen.
Braun et al. (1998) – Können Geophysiker Frauen sein?
Friederike Braun und andere führten Ende der 1990er eine experimentelle Studie durch, um die kognitiven Effekte generischer Maskulina zu quantifizieren. In zwei Experimenten lasen Versuchspersonen Texte über fiktive Fachkongresse – teils in konsequent maskuliner Form, teils in neutralisierten bzw. Paarform-Varianten – und sollten anschließend schätzen, wieviel Prozent Frauen an diesen Veranstaltungen teilnehmen würden. Das Ergebnis: Wurden in den Texten generische Maskulina verwendet, lag die geschätzte Frauenquote signifikant niedriger, verglichen mit Texten in anderer Form. Beispielsweise vermuteten die Teilnehmenden bei generisch als „Geophysiker“ bezeichneten Personen einen geringeren Frauenanteil als in neutral formulierten Fällen. Diese methodisch klare Befundlage – weniger „mitgedachte“ Frauen unter generischem Maskulinum – spricht dafür, dass die maskuline Form die Vorstellung männlicher Personen stark begünstigt.
Kritisch anzumerken ist, dass die Stichprobe v. a. Studierende umfasste und nur bestimmte Berufsbereiche betrachtet wurden und die Berufsbezeichnungen und auch der Kontext der Wissenschaft einen male bias hervorgerufen haben könnten, da sowohl bestimmte Berufe als auch die Wissenschaft an sich in der Tendenz oftmals männlich dominiert ist.
Klein (1988) – Sind Frauen mitgemeint?
Der Sprachwissenschaftler Josef Klein untersuchte 1988 empirisch, inwieweit Frauen im generischen Maskulinum „mitgedacht“ werden. Er legte 290 Versuchspersonen Texte mit Lücken vor, in denen generische Maskulina auftauchten, und ließ sie die fehlenden Angaben vor einen Nachnamen– etwa Anrede und Namen – ergänzen. Das Ergebnis war deutlich: Über 70 % füllten die Lücken so, dass sie männliche Referenten bezeichneten, selbst weibliche Probandinnen wählten zu ~67 % eine männliche Bezugsperson. In einer Kontrollgruppe, die stattdessen mit Doppelnennungen (z. B. Bürger und Bürgerinnen) gearbeitet hatte, sank der Anteil männlicher Antworten zwar etwas – aber immer noch entschieden sich ~59–61 % für die männliche Form.
Klein schloss daraus, dass das generische Maskulinum Frauen sprachlich tatsächlich benachteiligt. Allerdings spielen auch tief verankerte Rollenstereotype eine Rolle. Kleins Arbeit wird methodisch dafür gelobt, realitätsnahe Szenarien (inkl. Ablenkungen und Verschleierung der wahren Hypothese) genutzt zu haben. Als Kritikpunkt bleibt, dass in Einzelfällen grammatische Hinweise (z. B. das Pronomen „einer“ in einem Lückentext) unbeabsichtigt eine männliche Lesart begünstigt haben könnten. Nichtsdestotrotz zieht Klein das Fazit: “Die Benachteiligung der Frau durch das generische Maskulinum ist [...] psycholinguistische Realität.“
De Backer & De Cuypere (2012) – Deutsch vs. Niederländisch
Diese vergleichende Studie analysierte, wie unterschiedlich deutsch- und niederländischsprachige Personen maskuline Personenbezeichnungen verstehen. In zwei Befragungsexperimenten wurden Versuchspersonen Rollenbezeichnungen (wie Lehrer, Doktor etc.) im jeweiligen Kontext vorgelegt, und es wurde erhoben, ob diese als generisch (geschlechtsübergreifend) oder spezifisch männlich interpretiert werden. Zentrales Ergebnis: Deutsche neigen deutlich stärker dazu, maskuline Personen-Nomen als männerbezogen aufzufassen als niederländische. So zeigte sich, dass im Deutschen die grammatische Maskulinmarkierung häufiger zur Vorstellung eines Mannes führt, während im Niederländischen öfter eine geschlechtsneutrale Interpretation gelingt. Interessanterweise spielt auch der Numerus eine Rolle: In der deutschen Stichprobe wurden maskuline Pluralformen in vielen Fällen neutral verstanden, wohingegen beim Singular öfter an einen Mann gedacht wurde. Dies deutet darauf hin, dass Sprachgebrauch und grammatische Gewohnheiten (etwa die relative Häufigkeit von Femininformen in einer Sprache) die kognitive Interpretation beeinflussen. Kritisch anzumerken ist die Erhebungsmethode mittels Fragebogen – was zwar breitere Bevölkerungsgruppen erfasste, jedoch von der tatsächlichen Sprachverarbeitung im Alltag abweichen könnte.
Schröter et al. (2012) – „Ich als Linguist“
Juliane Schröter und andere gingen der Frage nach, wie das generische Maskulinum eingeschätzt und verwendet wird. Mit einer empirischen Befragung wurde erhoben, wie akzeptabel die maskuline Form in unterschiedlichen Kontexten erscheint und wie viele Personen dazu bereit sind, sie auch für sich selbst zu nutzen. Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Kontextabhängigkeit: Das generische Maskulinum im Plural für gemischtgeschlechtliche Gruppen wurde überwiegend akzeptiert und als üblich angesehen. Für eine einzelne Frau jedoch stieß die maskuline Form – etwa ‚Ich als Linguist‘ – auf deutlich geringere Akzeptanz.
Als methodische Stärke der Studie gilt, dass neben Einstellungen auch tatsächliche Verwendungsentscheidungen erfasst wurden (z. B. durch Lückentexte). Limitierend ist, dass die Stichprobe überwiegend akademisch gebildet war und das Thema bekannt sein konnte, was Verzerrungen wahrscheinlicher macht.
Rothmund & Scheele (2004) – Personenbezeichnungsmodelle auf dem Prüfstand
Diese psychologische Studie testete verschiedene sprachliche Strategien zur Bezeichnung von Personen und ihre Auswirkungen auf das Verstehen. Untersucht wurden u. a. Texte, die durchgängig im generischen Maskulinum verfasst waren, im Vergleich zu Varianten mit Paarformen (gleichzeitige Nennung von z. B. Leser und Leserinnen) sowie einem sogenannten Fußnoten-Modell (d. h. Text im Maskulinum mit erklärender Fußnote, dass alle Geschlechter gemeint sind). In Studie 1 wurde ein stereotyp „männliches“ Setting genutzt, um zu prüfen, ob das generische Maskulinum hier besonders stark zu männlichen Assoziationen führt. Tatsächlich bestätigten die Ergebnisse die erwartete Benachteiligungswirkung: Die durchgängige Verwendung des Maskulinums im Plural führte zu vorwiegend männlichen Vorstellungen bei den Lesenden. Weder die einmalige Klarstellung per Fußnote noch das Fußnotenmodell insgesamt konnten diesen Effekt nennenswert aufheben. Erst die Verwendung von expliziten Paarformen und Neutralisierungen bewirkte eine messbare Erhöhung des gedanklichen Einbezugs von Frauen. Allerdings war auch hier keine völlige Gleichverteilung der Geschlechter in der Vorstellung zu erreichen. In Studie 2 variierten Rothmund & Scheele den Kontext und fanden konsistent, dass das generische Maskulinum gegenüber allen Alternativen am wenigsten inklusiv wirkte.
Methodisch überzeugt die Arbeit durch realistische Lesetexte und Mischung quantitativer mit qualitativen Maßen. Kritisch ist anzumerken, dass die Effekte teilweise vom Themenkontext abhingen – in neutraleren Kontexten war der Unterschied zwischen Maskulinum und Paarform etwas geringer als in stark männlich konnotierten Situationen. Insgesamt liefert die Studie jedoch ein klares Urteil: Generische Maskulina schneiden im „Praxistest“ am schlechtesten ab, wenn es darum geht, Frauen mental zu repräsentieren. Selbst scheinbar pragmatische Lösungen wie Fußnoten erwiesen sich als unzureichend.
Gygax et al. (2008) – Generically intended, but…
Pascal Gygax und andere führten eine Studie durch, um zu prüfen, ob das generische Maskulinum in verschiedenen Sprachen tatsächlich geschlechtsneutral verarbeitet wird. In mehreren Experimenten ließen sie Versuchspersonen in Deutsch, Französisch und Englisch Sätze lesen, die entweder ein generisches Maskulinum oder eine gendergerechte Form enthielten. Den Versuchspersonen werden Sätze präsentiert, z. B. „Die Klavierspieler versammelten sich im Saal.“ Später folgt ein Satz über eine Teilgruppe, etwa „Einige der Frauen stimmten ihre Instrumente.“ Die Aufgabe der Teilnehmenden ist zu entscheiden, ob der zweite Satz eine sinnvolle Fortsetzung des ersten sein kann. Das Ergebnis war aufschlussreich: In den grammatisch gender-markierten Sprachen Deutsch und Französisch zeigte sich, dass die Versuchspersonen deutlich häufiger einen Folgesatz über Männer für passend hielten, nachdem der erste Satz im generischen Maskulinum formuliert war. Ein Satz über Frauen als Fortsetzung wurde dagegen oft als weniger stimmig oder verständlich bewertet – was darauf hinweist, dass unbewusst vor allem Männer als Referenten angenommen wurden. In der Kontrollbedingung mit expliziten Paarformen verschwanden diese Unterschiede weitgehend; im Englischen (einer natural gender-Sprache ohne maskuline Personenmarkierung) dominierte statt der Grammatik der berufliche Stereotyp des Wortes die Vorstellungen. So zeigten Gygax et al., dass in Deutsch und Französisch die grammatische Geschlechtsmarkierung die mentale Repräsentation überstimmt: Selbst bei Rollen, die sozial eher weiblich konnotiert sind (z. B. Kosmetiker), ließ das Maskulinum die Versuchspersonen primär an Männer denken. Methodisch bestach die Studie durch ihren sprachübergreifenden Ansatz und die Messung subtiler Verarbeitungsprozesse (u. a. Reaktionszeiten). Eine wichtige Einschränkung ist, dass hier isolierte Satzpaare untersucht wurden – in umfangreicheren Kontexten könnte der Effekt ggf. abgeschwächt werden. Trotzdem lautet das Fazit klar: „There is no generic masculine“ im mentalen Modell der Versuchspersonen – die maskuline Form wird in der Regel spezifisch männlich interpretiert, sofern nicht durch alternative Formen gegengesteuert wird.
Zwischenfazit
Über die genannten Studien hinweg ergibt sich ein übereinstimmendes Bild: Das generische Maskulinum wirkt keineswegs neutral, sondern geht mit einer männlichen Verzerrung in der mentalen Repräsentation einher. Ob in freien Assoziationen, beim Ausfüllen von Lückentexten oder in Reaktionszeitexperimenten – typischerweise werden bei Maskulinformen überwiegend Männer vorgestellt oder erinnert, während Frauen unterrepräsentiert bleiben. Gleichzeitig zeigen die Befunde, dass alternativ formulierte Personenbezeichnungen (Paarformen, geschlechtsneutrale Bezeichnungen, Binnen-I, Gender-Gap etc.) diesen Male-Bias deutlich reduzieren können. Allerdings erreichen auch die Alternativen nicht immer eine 50/50-Verteilung – tieferliegende Stereotype und Kontextfaktoren beeinflussen nach wie vor die Vorstellungen stark. Die Relevanz dieser Forschung liegt darin, empirisch zu untermauern, dass Sprache unser Denken hinsichtlich Geschlecht formt. Für die deutsche Sprache bedeutet dies: Solange in wichtigen Kommunikationssituationen das generische Maskulinum dominiert, werden Frauen tendenziell mitgemeint, aber nicht mitgedacht. Die größten Lücken bestehen insbesondere bei Singular- und Selbstbezeichnungen sowie in stark männlich konnotierten Domänen, wobei individuelle und gesellschaftliche Faktoren mit hineinspielen.
Abschließend sei betont: Kein seriöser Linguist behauptet, man könnte das generische Maskulinum gar nicht generisch verstehen. In expliziten Nachfragen bestätigen viele, dass theoretisch natürlich „mit Studenten auch Studentinnen mitgemeint“ seien. Die empirischen Daten zeigen jedoch konsistent eine Asymmetrie: Das Mitmeinen funktioniert asymmetrisch zugunsten der männlichen Interpretation. Frauen „denken“ sich eben nicht automatisch mit und werden oftmals nicht „mitgedacht“, sie müssen gedanklich hinzugenommen werden. Das generische Maskulinum mag also grammatisch zulässig sein, aber es erzeugt einen männlichen Bias. Dieser Bias wurde über viele verschiedene Studien hinweg nachgewiesen, was die Ausgangsvermutung bestätigt: Sprache – hier speziell die Genusmarkierung – kann beeinflussen, wen wir uns vorstellen und wer mental präsent ist. Frauen und nicht-binäre Menschen bleiben beim generischen „Maskulin-Plural“ tendenziell in der Vorstellung unterrepräsentiert.
Wirkung gendergerechter Formulierungen: Alternativen zum Maskulinum
Wenn das generische Maskulinum zu male-biased Vorstellungen führt, liegt die Vermutung nahe, dass alternative, „gegenderte“ Formen zu einer ausgewogeneren mentalen Repräsentation beitragen. In den letzten Jahren wurden verschiedene Alternativen vorgeschlagen und umgesetzt, um alle Geschlechter in der Sprache sichtbarer zu machen. Dazu zählen:
- Doppelnennungen: z. B. „Bürgerinnen und Bürger“, „Schüler und Schülerinnen“. Hier werden weibliche und männliche Form ausdrücklich genannt (häufig mit der weiblichen Form zuerst).
- Neutralisierungen/Substantive mit Partizip: z. B. „Studierende“ statt „Studenten“, „Lehrkräfte“ statt „Lehrer“. Diese Formen vermeiden geschlechtsspezifische Endungen.
- Kurzformen mit Sonderzeichen: z. B. „Bürger*innen“*, „Bürger_innen“, „BürgerInnen“. Diese sollen neben männlich und weiblich auch nicht-binäre Identitäten einschließen (der „Genderstern“ * und der sogenannte Binnen-I oder Unterstrich sind orthografische Lösungen dafür).
- Ausweichformen: z. B. Partizipalformen wie „die Mitarbeitenden“ statt „die Mitarbeiter“, oder Verwendung von geschlechtsneutralen Bezeichnungen wie „Menschen“.
Die zentrale Frage: Bewirken solche Formen tatsächlich messbare Unterschiede in der Wahrnehmung und im Verständnis – insbesondere reduzieren sie den beschriebenen Male-Bias? Die empirische Forschung dazu zeigt ein recht einheitliches Bild: Ja, gendergerechte Formen verringern die männliche Dominanz in den Vorstellungen, wenn auch nicht vollständig. Zudem sind manche Alternativen effektiver als andere, und es gibt gewisse Nebenwirkungen.
Bereits die erwähnte Studie von Stahlberg et al. (2001) deutete an, dass Doppelnennungen wirksam sind: Wenn „Musikerinnen und Musiker“ gesagt wird, denken die Leute automatisch an beide Gruppen – der Bias reduziert sich drastisch. Ähnlich fanden andere Untersuchungen, dass die Paarform (weiblich und männlich) das naheliegendste Mittel ist, um ausgewogene mentale Repräsentationen hervorzurufen. Es erscheint auch intuitiv: Werden Frauen explizit erwähnt, werden sie mitgedacht. Allerdings gerät diese Form schnell umständlich, insbesondere in längeren Texten, und sie begrenzt auf zwei Geschlechter.
Daher sind verkürzte inklusive Schreibweisen aufgekommen. Ein Team um Anita Körner, Bleen Abraham, Ralf Rummer und Fritz Strack (2022) testete speziell den Einfluss des Gendersternchens (*). Sie verglichen Sätze im generischen Maskulinum („die Fahrer“) mit solchen im Genderstern-Format („die Fahrer*innen“). In zwei Experimenten wurden Versuchspersonen wieder Folgesätze präsentiert, die Männer oder Frauen als Untergruppe erwähnten, und man maß Entscheidung und Reaktionszeit. Das Ergebnis: Beim Maskulinum gab es – wie üblich – einen starken Male-Bias (schnelle Zustimmung bei Männer-Fortsetzung, Zögern bei Frauen-Fortsetzung). Beim Genderstern war der Bias nahezu umgekehrt: Hier wurden Frauen etwas schneller als zugehörig akzeptiert und Männer geringfügig langsamer. Mit anderen Worten zeigte sich ein kleiner Female-Bias bei Verwendung des Asterisken (*). Allerdings war dieser weibliche Vorsprung deutlich schwächer ausgeprägt als der männliche Bias im generischen Maskulinum. Das Forschungsteam betont, dass das Gendersternchen zwar die mentale Inklusivität erhöht – Frauen und Männer werden nahezu gleichwertig mitgedacht – aber möglicherweise durch die Neuheit der Form leichte Verunsicherung auslöst, was in ihren Daten als minimaler „Female-Bias“ erschien. Wichtig ist: Das Sternchen eliminiert den einseitigen männlichen Fokus weitgehend. Menschen interpretieren „Pilot*innen“ eben nicht primär als männlich, sondern beziehen beide (oder alle) Geschlechter ein, teilweise mit der leichten Tendenz, andere Geschlechter hervorzuheben.
Andere Kurzformen wie der Binnen-I („PilotInnen“) oder der Unterstrich dürften ähnlich wirken, wurden aber weniger empirisch untersucht. Tendenziell gilt: Je sichtbarer die weibliche Form im Wort erscheint, desto mehr Frauen werden mitgedacht. Ein Binnen-I oder ein Suffix „-in“ nach dem Maskulin-Stamm (PilotIn) signalisiert klar: hier ist auch die weibliche Form präsent. Der Genderstern geht noch weiter und impliziert „und auch andere Geschlechter“. Erste Studien legen nahe, dass das Verständnis solcher Formen kein großes Problem darstellt – man erkennt sofort, was gemeint ist – und dass dadurch in der Vorstellung mehr Diversität entsteht. Eine aktuelle Untersuchung von Zacharski & Ferstl (2023) nutzte einen Bild-Zuordnungs-Test: Versuchspersonen lasen Sätze mit Genderstern (z. B. „Einige Freund*innen sitzen im Café“) und sollten dann so schnell wie möglich entscheiden, ob ein anschließendes Personenbild (eine Frau oder ein Mann) dazugehören könnte. Die Reaktionen zeigten praktisch keine Verzögerung oder Ungleichbehandlung: Bei „Freund*innen“ wurden weibliche und männliche Bilder gleichermaßen flott akzeptiert. Das spricht dafür, dass der Stern recht mühelos verarbeitet wird und tatsächlich gedanklich beide Geschlechter präsent sind.
Neben der sofortigen Inklusivität gibt es noch einen weiteren positiven Effekt gendergerechter Sprache, der über die momentane Vorstellung hinausgeht: Vorbildwirkung und Interesse. Eine Studie von Vervecken, Hannover & Wolter (2013) untersuchte, wie die Formulierung von Berufsbeschreibungen die Einstellung von Kindern beeinflusst. Grundschulkinder bekamen Berufsbezeichnungen und kurze Beschreibungen präsentiert – teils in generischem Maskulinum („Ein Mechaniker repariert Maschinen…“), teils in Paarform („Eine Mechanikerin oder ein Mechaniker…“). Anschließend fragte man die Kinder, ob sie sich diesen Beruf für sich vorstellen können und wie viele Frauen sie in dem Beruf vermuten. Die Resultate waren eindeutig: Bei gendergerechter Formulierung schätzten die Kinder deutlich mehr Frauen in den jeweiligen Berufen und – besonders bei den Mädchen – stieg die Interessensbekundung, später vielleicht einen solchen „untypischen“ Beruf zu ergreifen. Zum Beispiel trauten sich Mädchen eher zu, einmal Pilotin oder Technikerin zu werden, wenn diese Begriffe in der weiblichen Form genannt wurden, als wenn nur von „Piloten“ oder „Technikern“ die Rede war. Hier zeigt sich, dass Sprache auch langfristig auf Selbstbild und Ambitionen wirken kann: Genderneutral oder explizit benannte Rollen führen dazu, dass sich Kinder wie erwachsene Frauen vermehrt in typischen Männerdomänen wahrnehmen und umgekehrt. Für die Praxis – etwa Berufsorientierung oder Ausschreibungen – ist das hochrelevant.
Obwohl die meisten Studien konsistent zeigen, dass alternative Formen die männliche Verzerrung reduzieren, gibt es auch kritische Stimmen und Detailfragen. Einige Stimmen aus der Linguistik monieren, dass ungewohnte Konstruktionen wie das Sternchen die Lesbarkeit und Grammatik beeinträchtigen könnten. Der Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg z. B. äußerte 2022 Bedenken, dass neue Genderzeichen gegen orthographische und grammatische Regeln verstießen und das Verständnis stören könnten. Empirisch lassen sich gewisse Verständniseinbußen in komplexen Sätzen nicht ausschließen – insbesondere laut vorgelesen sind Formen wie „Kolleg*innen“ oder der Glottisschlag (die kurze „Sprechpause“) gewöhnungsbedürftig. Völkening (2022) analysierte beispielsweise die Aussprache mit Glottisschlag („Kolleg_innen“) und argumentierte, dass man dies als neues morphologisches Wortbildungs-Schema interpretieren könne, das regelkonform integriert werden könne. Die Sprache befinde sich hier offensichtlich im Wandel – und wie bei jedem Wandel gebe es eine Übergangsphase mit Debatten. Wichtig für unsere Fragestellung ist: Die kognitive Wirkung (Bias-Reduktion) der Genderformen ist klar messbar, während die Nachteile (Leserlichkeit) eher subjektiv diskutiert werden und mit Gewöhnung abnehmen dürften.
Eine weitere berechtigte Frage betrifft die Größe der Effekte: Ist das alles nur Haarspalterei um minimale Unterschiede oder sind die Effekte relevant? Die Antwort aus den Studien: Die Effekte sind teils subtil, aber durchaus relevant. Der Unterschied in mentaler Verfügbarkeit kann z. B. bedeuten, dass in einer Umfrage oder Diskussion spontan keine Frau genannt wird, obwohl es welche gibt – allein weil die Sprache sie nicht aktiviert hat. In Summe tragen solche kleinen Effekte zur „Unsichtbarkeit“ oder „Normsetzung“ bei. Gerade weil die Effekte unbewusst wirken, summieren sie sich über viele Situationen. Dass aber schon sprachliche Maßnahmen helfen können, zeigen Experimente wie oben erwähnt (Kinder sehen plötzlich mehr Frauen in Technikberufen allein aufgrund der Sprachwahl!). In diesem Sinne ist die Wirkung nicht bloß theoretisch, sondern potenziell gesellschaftlich bedeutsam.
Natürlich ist Sprache nicht der einzige Hebel, um Vorstellungen zu ändern – aber sie ist ein Symbolsystem, das jeden Tag im Gebrauch ist und daher ein naheliegendes Stellrad darstellt. Die Forschung liefert starke Hinweise, dass geschlechtergerechte Sprache die mentale Inklusivität erhöht, während das generische Maskulinum typischerweise zu männlich geprägten kognitiven Bildern führt.
Einordnung und offene Fragen
Sprache beeinflusst Denken – jedoch meist auf subtile, kontextabhängige Weise. Im Bereich des Genderns ist dieser Einfluss gut dokumentiert: Das generische Maskulinum ist keine neutrale Ausdrucksform in den Köpfen der Menschen, sondern geht mit einem männlichen Interpretationsbias einher. Dieser Bias wurde in unterschiedlichsten Studien (sprachübergreifend und methodenübergreifend) nachgewiesen, was die Vermutung bestätigt, dass Frauen und andere Gruppen sprachlich „mitgemeint, aber nicht mitgedacht“ sind. Durch alternative Formulierungen lässt sich der Effekt beträchtlich abmildern. Besonders das Nennen beider Geschlechter oder neutralisierende Formen sorgen für ausgewogenere mentale Repräsentationen. Neuere inklusive Schreibweisen wie der Genderstern zeigen ebenfalls positive Wirkung auf die gedankliche Inklusivität, auch wenn sie sprachsystematisch umstritten sind.
Dennoch bleiben einige Punkte offen oder in Diskussion: Zum einen die Frage der Gewöhnung. Langfriststudien könnten untersuchen, ob etwa junge Menschen, die mit Sternchen und Co. vertraut sind, gar keinen Bias mehr aufweisen. Erste Hinweise (z. B. das schnelle Verstehen in neueren Experimenten) deuten darauf hin, dass die kommende Generation hier weniger Probleme hat.
Wie bei vielen psychologischen Effekten gilt: Das einzelne Individuum kann sich dem Einfluss bewusst sein und dagegensteuern – aber im Schnitt über viele Personen und Situationen zeigt sich ein klarer Trend. Manche mögen für sich behaupten, sie dächten bei „Studenten“ wirklich stets an alle – die Daten legen nahe, dass es selbst dann in schneller unbewusster Verarbeitung zu männlicher Dominanz kommt. Bewusstsein über diese Mechanismen ist daher wichtig, um informierte Entscheidungen im Sprachgebrauch zu treffen.
Die Wechselwirkung von Sprache und Denken ist komplex: Sprache lenkt unsere Aufmerksamkeit und beeinflusst Denkmuster, kann Stereotype verstärken oder mindern. Gerade das Gendern zeigt, wie sprachliche Formen Vorstellungen prägen. Bewusster Sprachgebrauch kann zu inklusiveren Bildern führen. Sprachlicher Wandel begleitet gesellschaftlichen Wandel und erleichtert ihn möglicherweise. Worte sind nicht neutral; ihr Gebrauch hat Konsequenzen. Daher lohnt es sich, Sprache reflektiert einzusetzen.
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