· 

Anglizismen: No-Go oder Must-Have?

Bastian Wieland | Lesedauer: 6 Minuten

 

Einige Personen in meinem Freundeskreis veranstalten regelmäßig sogenannte „Bildungsnachmittage“ – sie gucken die Topmodel-Serie Germanys Next Topmodel und spielen dabei ein Trinkspiel, bei dem beispielsweise getrunken werden muss, wenn ein Model weint, lästert oder ‚unnötigerweise‘ ein englisches Wort benutzt. Ich selbst habe daran nie teilgenommen, weil ich auch für die persönliche Belustigung keine Castingshow sehen möchte, die ich nicht ausstehen kann. Allerdings stellte sich für mich die Frage, welche englischen Wörter denn überhaupt ‚unnötig‘ benutzt werden.

 

Die Verkennung der Bedeutungsweite eines Wortes 

2020 suchten verzweifelte Jungunions-Politiker (ja, alle männlich) in Wolfenbüttel ‚deutsche‘ Alternativen für Anglizismen, die durch die Corona-Pandemie in den deutschen Wortschatz gelangten. Für Social Distancing wurden Alternativen wie „Abstand halten“ und „Sodi“ vorgeschlagen, für Lockdown „Ausgangssperre“ und „Pandemiemodus“. Absolut cringe.

 

Erstens: „Sodi“ kann als Abkürzung für den englischen Anglizismus Social Distancing unmöglich eine deutsche Alternative sein.

Zweitens: Jedes Wort hat eine völlig andere Bedeutungsweite. Nicht umsonst werden in Wörterbüchern verschiedene Wörter bei der Übersetzung angegeben. „publish“ beispielsweise kann – je nach Kontext – mit „veröffentlichen“, „publizieren“, „herausgeben“ oder „verlegen“ übersetzt werden, „herausgeben“ wiederum mit „issue“, „publish“, „return“ oder „release“ ins Englische. Die Beispiele zeigen klar, dass kein Wort ist wie ein anderes, auch nicht in einer Sprache bei Synonymen, die nur ähnliche Bedeutungsweiten haben, aber niemals in jedem Kontext gleich verwendet werden können – sonst bräuchte es diese Wörter gar nicht. Einzelne Anglizismen sind entsprechend mehr on point als manche deutsche. 

 

Wer also wie die einige verzweifelte Unionspolitiker Lockdown mit „Ausgangssperre“ übersetzen will, kann auch World Wide Web mit „Google“ übersetzen – denn die Ausgangssperre ist nur ein möglicher, aber nicht unbedingt zwingend erforderlicher Teilaspekt eines Lockdowns. Auch die Übersetzung mit „Sperrung“ ergibt im Kontext wenig Sinn:

 

(1)   Die Bundesregierung hat eine Sperrung aufgrund der Ausbreitung des Corona-Virus verhängt. Diese beinhaltet unter anderem eine Sperrstunde für die Gastronomie, Kontaktbeschränkungen und Einlassgrenzen im Einzelhandel. 


Ebenso wenig wie „Ausgangssperre“:

 

(2)   Die Bundesregierung hat eine Ausgangssperre aufgrund der Ausbreitung des Corona-Virus verhängt. Diese beinhaltet unter anderem eine Sperrstunde für die Gastronomie, Kontaktbeschränkungen und Einlassgrenzen im Einzelhandel. 


Der Lockdown allerdings passt in den Kontext:

 

(3)   Die Bundesregierung hat einen Lockdown aufgrund der Ausbreitung des Corona-Virus verhängt. Diese beinhaltet unter anderem eine Sperrstunde für die Gastronomie, Kontaktbeschränkungen und Einlassgrenzen im Einzelhandel. 

Die Sätze 1 bis 3 zeigen: Lockdown bedeutet etwas anderes als „Ausgangssperre“ oder „Sperrung“ und man kann den Begriff nicht einfach übersetzen, ohne dass dabei wichtige Bestandteile der Bedeutungsweite des Begriffes verloren gehen. Zumal die „Sperrung“ nicht so stark kontextuell verwendet wird wie der Lockdown – eine Sperrung kann nämlich das Bankkonto, ein Handy oder auch Teilnehmende eines Sportwettbewerbs betreffen. 

 

Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt

Einige Völker kennen kein Wort für die Farbe Blau, haben dafür aber mehrere für Grün. Und man glaubt es kaum, aber diese Völker können blau und grün kaum voneinander unterscheiden, dafür aber Grüntöne, die für die Bevölkerung Europas schwer zu unterscheiden sind. Oder vereinfacht gesagt: Für diese Völker existiert kein Blau – für uns dafür keine anderen Grüntöne. Wir haben kein Wort dafür und erkennen deshalb die Farben nicht. 

 

Ähnlich verhält es sich mit Wörtern, die so nur in einer oder wenigen Sprachen existieren, jedenfalls in der eigenen nicht.  Im Englischen beispielsweise gibt es keine Entsprechung von „Geborgenheit“ weshalb sich geborgenheit als Germanismus etabliert hat, ebenso wie kindergarten oder zeitgeist. Wer Geborgenheit nicht als Wort kennt, kennt vielleicht das Gefühl trotzdem – kann sich aber nicht artikulieren. 

 

Gleiches gilt andersherum: Im Deutschen gibt es keine direkten Entsprechungen von Start-upcoolWork-Life-Balance oder online. Es gibt Annäherungen, wie es der sprachpuristische Verein Deutsche Sprache (VDS) mit seinem Anglizismen-Index versucht und daran kläglich scheitert. Als Vorschlag für Sugardaddy wird „reicher, sich junge Mätressen haltender Alter“ genannt. 

 

(4)   Ich habe gehört, dass dieser eine Kollege auf reiche, sich junge Mätressen haltende Alte steht.

(5)   Ich habe gehört, dass dieser eine Kollege auf Sugardaddys steht.

 

Satz 4 würde ich nicht einmal als ansatzweise ‚okay‘ bezeichnen. Kaum jemand wird im verbalen Sprachgebrauch einen solchen Aufwand betreiben, nur um Anglizismen zu vermeiden. Das Problem hier ist wieder: Es gibt kein deutsches Wort für Sugardaddy, und genau deshalb sind solche Versuche wie der vom VDS erbärmlich und peinlich, weil sie sich nicht eingestehen wollen, dass der Wortschatz einer jeden Sprache endlich ist. 

 

Anglizismen erweitern unseren Wortschatz – und damit unseren Horizont

Wie bereits beschrieben, gibt es in jeder Sprache eine endliche Anzahl an Wörtern, Ausdrücken, Phrasen und Wendungen. Wenn allerdings etwas Neues erfunden oder entdeckt wird, braucht es auch neue Wörter – und oftmals kommen diese eben aus Ländern mit anderen Sprachen als Deutsch. Früher mehr aus dem Französischen, heute erlebt das Englische einen Boom.  Doch es braucht nicht nur Konkretes, das neuentdeckt werden müsste, sondern auch Abstraktes, für das man aufgrund der zunehmenden internationalen Vernetzung schlichtweg neue Wörter kennt. Ob Cartoons in der Kindheit, Aerobic in den 1980er-Jahren, Chats und Flirts in Dating-Apps oder unterwegs mit Inter- und Eurocity – all diese Wörter beschreiben etwas, für was es im Deutschen keine Entsprechung gibt und auch die beste Übersetzung noch meilenwert von der Bedeutung entfernt wäre. Und diese Wörter zeigen auch den Fortschritt der letzten Jahre. Ohne neue Erfindungen hätte es diese Wörter nämlich nie gebraucht. 

 

In den letzten Jahrzehnten wurden zahlreiche technologische und wissenschaftliche Innovationen entwickelt, die neue Begriffe erforderten. Wörter wie InternetSoftware und Smartphone wurden direkt aus dem Englischen übernommen, da es keine angemessenen deutschen Begriffe gab. Diese Anglizismen haben nicht nur unseren Wortschatz bereichert, sondern auch den Zugang zu globalen Entwicklungen und Diskussionen erleichtert.

 

Die ‚unnötigen‘ Anglizismen

Auch wenn klar sein sollte, dass manche Anglizismen kaum mit dem Deutschen ersetzbar sind, sind es andere doch.

 

(6)  

A. Ich bin so confused. Warum hast du das nochmal gemacht?

B. Ich bin so verwirrt. Warum hast du das nochmal gemacht?

 

(7)  

A. Amazing! Great Show! Schalten Sie auch morgen wieder ein.

B. Unglaublich! Großartige Show! Schalten Sie auch morgen wieder ein.

 

(8)  

A. Ich appreciate wirklich, was du für mich getan hast. 

B. Ich wertschätze es wirklich, was du für mich getan hast.

 

Diese Sätze enthalten jeweils Wörter, die man unproblematisch mit deutschen Wörtern ersetzen könnte, ohne dabei viel an der Bedeutung zu ändern. Und dennoch hört man solche Sätze immer öfter. Auch das hat seine Gründe. 

 

Internationaler Touch

Der Unterschied zwischen Confusion und Verwirrung ist relativ einfach: Wer englische Wörter, Phrasen oder gar Sätze einbaut, wirkt automatisch internationaler, moderner und damit auch weltoffener. Obwohl es also deutsche Alternativen für viele Anglizismen gibt, werden diese oft aufgrund ihrer sozialen und kulturellen Konnotationen bevorzugt. Studien haben gezeigt, dass die Verwendung von Anglizismen wie cool oder online von jüngeren Generationen als Zeichen von Modernität und Weltoffenheit wahrgenommen wird. Dies trägt zur Identitätsbildung und zur Zugehörigkeit zu globalen Gemeinschaften bei.

 

Was nun: No-Go oder Must-Have?

Sicher braucht es nicht immer Anglizismen. Vor allem dann nicht, wenn es wirkliche deutschsprachige Alternativen gibt. Allerdings sind Anglizismen teilweise völlig unverzichtbar, denn es gibt teilweise schlichtweg keine deutschen Alternativen, die identisch mit den Anglizismen wären. Vorschläge zur Ersetzung wie die des VDS zeigen nur, dass diese These wahr ist, denn statt Übersetzungen und Alternativen werden oftmals Definitionen angeboten. Bei manchen Ausdrücken gibt es schlichtweg keine deutschsprachigen Entsprechungen und bei diesen muss es zwingend erlaubt sein, Anglizismen zu benutzen, ohne dabei von Pseudowissenschaftler:innen mit inhaltlosen, sprachpopulistischen Floskeln konfrontiert zu werden. Sprache wird in der Regel eher ökonomisch verwendet, und statt einzelne Wörter Definitionen einzuschieben, hilft niemandem etwas und führt zu Verständnisproblemen. Oder wissen Sie, was mit „Menschenkörperaustauschtreff“ gemeint ist?


Facts

  • Peter Eisenberg: Anglizismen im Deutschen. 2013.
  • Matthias Fingerhuth, Hans C. Boas: Anglizismen zwischen Linguistik und Laien-Linguistik: Zum Fremdwortpurismus des VDS im Anglizismen-Index. 2018.
  • Magdalena Malecka (Zitat Kathrin Kunkel-Razum, Duden-Red.): Kein Deutsch mehr ohne Englisch? 2014.
  • Alina Brückner: Anglicisms in German – Denglish. Linguaculture Journal 1/2020.
  • WELT Wissenschaft: Pseudoanglizismen: Englisch-Vokabeln, die nur Deutsche verstehen
  • WELT Wissenschaft: Optik – Russen sehen Blau anders als Amerikaner. 01.05.2007.
  • Max-Planck-Institut für Psycholinguistik: Ich sehe was, was du nicht sagst! Wie Sprache unsere Wahrnehmung färbt. Jahresbericht 2015.
  • Erika Erling: Cosmopolitan language identity (in Altleitner 2007, zitiert nach Spitzmüller 2006).
  • Altleitner 2007 (zitiert in Uni Marburg Projektbericht): Anglizismen und soziale Identität.
  • Jannis Androutsopoulos: Jugendsprachliche Identitäten im Hip-Hop (Projekt, 2001).
  • Nina Janich (Hrsg.): Wortschatz der deutschen Gegenwartssprache, Beitrag Hilgendorf 2007.
  • Karin Kontulainen: Anglizismen im Deutschen – Untersuchung im Nachrichtenmagazin Der Spiegel. 2008.
  • Fischer 2008 (zitiert in Zir.zns.hr): Wider die Engländerei in der Deutschen Sprache (ADSV, 1899).
  • Galinsky 1975 (zitiert in Kovács 2008): Stylistic Functions of Anglicismszir.nsk.hr.
  • Leisi/Mair 1999: External vs. internal reasons for Anglicisms.

KI-Nutzung: 1B (Mehr Informationen)


Lesbarkeit

  • Flesch-Reading-Ease-Score (FRES): Der Text ist schwierig zu lesen (48,22).
  • Gunning-Fog-Index: Der Text ist für ein etwas erfahreneres Publikum geeignet (11,16).
  • Amstad-Lesbarkeitsindex: Der Text hat eine gute Lesbarkeit (24,11).